Toscana Ars Vivendi

July 17th, 2011
admin

Kaum etwas hat unsere Vorstellungen von schönem Leben so beeinflusst wie die Toscana. Die Mischung aus schöner Landschaft, schönem Wohnen, gutem Essen und Kunst und Kultur scheint kaum irgendwo auf der Welt auf so hohem Niveau vorhanden zu sein. Natürlich ist die Toscana heute ein Massenziel und beileibe kein Geheimtipp mehr und trotzdem ist ihr Einfluss bis zu uns zu spüren.

Kaum ein Haushalt in dem nicht Olivenöl steht, kaum ein Haushalt, in dem nicht versucht wird, mit Kräutern mediterran zu kochen, kaum ein Haushalt, der nicht mit Lebensart, Wein und südlichem Flair alles schwere deutsche vergessen zu machen. Denn in unserer Sehnsucht nach Italien, nach dem Süden allgemein, offenbart sich eine tiefe Abneigung gegen das vermeintlich Deutsche. Indem wir uns so sehr sehnen nach „dolce far niente“, nach „süßem Nichtstun“, nach toskanischer Einrichtung, Holzmöbeln, Terrakotta-Böden, Chianti, Landhausstil und ländlicher Einfachheit leugnen wir uns selber. Das ist auch normal, denn im Alltag kehren wir wieder zurück zu den deutschen Tugenden, die unsere Arbeitswelt bestimmen. Aber nachdem wir im Urlaub gesehen haben, wie schön man es haben kann, wollen wir zu Hause nun auch wenigstens einen kleinen Teil davon verwirklichen. Und so schwärmen wir von dem tollen Olivenöl, den selbstgezogenen Kräutern und den Terrakotta-Töpfen. Der toskanische Lebensstil ist uns mittlerweile so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir vergessen haben, dass die Rauke einst ein Unkrautartiges Gewächs war, dass in deutschen Gärten prächtig gedieh aber niemand mehr so recht essen wollte, bevor es als Ruccola aus Italien wieder zu uns kam und ein Modesalat wurde.

Ebenso findet sich in jeder Supermarkt-Bäckerei eine Kaffeemaschine, die vorgaukelt italienischen Espresso oder Cappuccino herzustellen, was auch trotz absoluter Ungeniessbarkeit reissenden Absatz findet, während der gute alte deutsche Filterkaffee ins Museum der Menschheitsirrtümer abgeschoben wurde. Eine ganze Generation von Politikern hat sich im Sommer in die Toskana verabschiedet und hat von dort ihren Rotwein und ihre Anzüge wieder mitgebracht. Und selbst in Berlin stehen Palazzoartige Villen im Renaissance-Stil oder kann man sich ein Fertighaus in Toskana-Stil errichten lassen. Das schöne italienische Flair ist mittlerweile mehr bei uns angekommen als die Lust, ins wirkliche Italien zu fahren. Denn der Tourismus in Italien hat seinen Zenit überstiegen, nicht aber unsere Lust nach Toscana Ars Vivendi, der Kunst des Lebens, inspiriert von südlicher Sonne und Leichtigkeit.

Foto: Flickr / the bbp

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